SUCHEN NACH:

„Digitalisierung wird uns das Denken nicht abnehmen“

Die Ausstellung „Utrecht, Caravaggio und Europa“ ist eigentlich schon seit Monaten abgehängt, aber zu sehen ist sie immer noch. Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, schiebt eine Virtual-Reality-Brille aus Pappkarton über den Tisch. Handy rein, App an und schon ist man mitten in der Welt der Caravaggisten und dem Thema dieses Interviews: Digitalisierung und Museum.

  • 02. Mrz 2020
  • 4 Minuten Lesezeit
  • Elisa Holz
Bildrechte: Alte Pinakothek; Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Haydar Koyupinar

Herr Prof. Maaz, wie war die Resonanz auf Ihr VR-Projekt?
Sehr gut, wenngleich gelegentlich auch kritisch. Diese Ausstellung der Alten Pinakothek ist so jetzt immer noch erhältlich und weltweit zugänglich. In dieser Sache waren wir digitaler Vorreiter und haben viel ausprobiert. Meine Kernthese ist ja, dass Museen durch die Digitalisierung gedoppelt werden. Es gibt sie im digitalen und im realen Raum. Das bedeutet neue Aufgaben, wobei die alten Aufgaben nicht wegfallen.

Was sind die neuen Aufgaben?
Wir müssen auf der Höhe der Zeit sein. Das fängt an bei der Website, auf der wir alle Informationen veröffentlichen. Wir kommunizieren über Social Media, arbeiten mit dem ZDF zusammen, drehen Videos fürs Netz – und optimieren ständig die digitale Ausstattung unserer Häuser. Außerdem haben wir soweit möglich unsere Sammlungen mit 25.000 Kunstwerken digitalisiert – und so der Welt zugänglich gemacht. Das alles dient für mich einer Sache: der Hinführung zum Kunsterlebnis.

„Im Netz ist der tote Künstler lebendig und der lebende Künstler tot.“
Prof. Bernhard Maaz

Brauchen Sie zur Bewältigung der neuen Aufgaben auch mehr Mittel?
Digitalisierung kostet Geld und macht viel Arbeit. Ein Kunstwerk kann im Gegensatz zum Buch nicht einfach mal so digitalisiert werden. Es muss abgehängt, ausgerahmt, ausgeglast und gereinigt werden. Dann muss es der Fotograf ausleuchten und fotografieren. Und dann geht es wieder zurück an die Wand. Dieser Aufwand macht klar, warum die nötigen Schritte ins digitale Zeitalter von vielen Häusern nicht so schnell gemacht werden konnten und können. Perspektivisch sollten alle Museen in Sonderkampagnen ihre Bestände digitalisieren. Erfahrungsgemäß ist das ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, den Museen nicht alleine stemmen können.

Sie haben Ihre Bestände ja schon weitreichend digitalisiert, trotzdem sind nicht alle Werke online zu sehen. Warum?
Im Netz ist der tote Künstler lebendig und der lebende Künstler tot. Das ist das Dilemma der Bildrechte. Laut Gesetz muss ein Künstler mindestens 70 Jahre tot sein, erst dann verfallen die Urheberrechte. Bei allen zeitgenössischen Künstlern müssten wir die Bildrechte verhandeln. Das doppelte Museum macht es erforderlich, dass wir jetzt auch Bildrechte für die gesamte digitale Welt bezahlen müssen. Auch hier ist der Staat gefragt.

 

Prof. Bernhard Maaz

Professor Bernhard Maaz ist Kunsthistoriker. 2015 wurde er als Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen berufen, die für die Pinakotheken in München und ihre Filialen in ganz Bayern verantwortlich sind. Im Herbst 2019 veröffentlichten die Staatsgemäldesammlungen eine eigene digitale Strategie, die nicht viele Häuser in Deutschland haben. (Bildrechte: Alte Pinakothek; Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Haydar Koyupinar)

Welchen Stellenwert hat die digitale Replika im Vergleich zum Original?
Nichts führt am Original vorbei. Ein Kunstwerk zu betrachten verhält sich zum Digitalisat wie das Bild auf der Speisekarte bei manchem asiatischen Lokal zum wirklichen Essen. Satt wirst du nur vom Original.

Ist das Digitale für Sie dann so etwas wie ein Köder – gerade auch für ein jüngeres Publikum?
Das Museum ist einer der wenigen Räume in unserer Gesellschaft, wo über Konfessionen, Nationen und Generationen hinweg Menschen zusammenkommen. Wir sehen es als unsere soziale Aufgabe, die Menschen in diesen Raum zu holen. Insofern ja.

Kann Digitalisierung die Kunst weiter demokratisieren?
Wir müssen am Bild des Museums arbeiten. Die Gesellschaft weiß gar nicht, wie offen Museen sind. Sonntags zum Beispiel kostet der Eintritt in München nur einen Euro, das kann sich jeder leisten. Wir erfüllen die Bringschuld. Aber das Publikum hat auch eine Holschuld. Die Digitalisierung macht für diejenigen, die in Richtung Museum denken, die Türen weiter auf. Aber reinkommen müssen sie schon selbst.

Und wenn sie drin sind, fotografieren viele die Kunstwerke mit dem Handy und gehen weiter.
Das sehe ich ambivalent. Einerseits wird die Weltwahrnehmung schwieriger mit jedem digitalen Gerät, das zwischen dem Menschen und der Welt steht. Insofern kann man nicht oft genug sagen: Schaltet das Ding aus! Andererseits widerspricht das unserem Bestreben, Webaccess-Points in allen Häusern bereitzustellen, denn der Zugang zum Netz kann das Bildungserlebnis von Kunst natürlich vertiefen. Im Endeffekt wünschen wir uns aber die direkte Begegnung des Objektes mit den Menschen. Dabei kann das Handy ein Hindernis sein.

Eröffnet Ihnen die Digitalisierung als Kunsthistoriker eigentlich neue Perspektiven auf Künstler und Werk?
Mit der Digitalisierung ist ein neues Werkzeug hinzugekommen, das allerdings regelmäßig nachgeschliffen werden muss. Nachdenken über Kunst muss man aber weiterhin mit dem Kopf. Ein Suchergebnis, das sich durch die Analyse von Daten ergibt, macht auch erst Sinn, wenn man es beispielsweise kunst- oder religionshistorisch einordnet. Die künstliche Intelligenz in der Geisteswissenschaft kann immer nur eine dienende Funktion haben. Sie wird uns das Denken nicht abnehmen.

„Mit der Digitalisierung ist ein neues Werkzeug hinzugekommen, das allerdings regelmäßig nachgeschliffen werden muss."
Prof. Bernhard Maaz

Setzt Sie die Digitalisierung unter Druck?
Nein, Digitalisierung ist für mich ein Ansporn. Im 19. Jahrhundert waren Museen nur bei Tageslicht geöffnet. Mit der Elektrifizierung hat sich das grundlegend geändert. Wir müssen unser Leben eben auf das einstellen, was jeweils gegeben ist. Ich empfehle einen pragmatischen und differenzierten Umgang mit der Digitalisierung. Frei nach Augustinus: Lasst uns das Machbare machen, das Unlösbare beiseitelegen – und das eine vom anderen unterscheiden.