SUCHEN NACH:

„Digitalisierung kann Distanzen irrelevant machen.“

Landtagspräsidentin Ilse Aigner ist überzeugt: Digitalisierung kann dazu beitragen, die Demokratie zu stärken

  • 03. Februar 2020
  • 5 Minuten Lesezeit
  • Christoph Henn
Bildrechte: Alessandra Schellnegger

Frau Aigner, welche Rolle spielt die Digitalisierung in Ihrem Leben?
Mein Berufsweg war von Anfang an technisch geprägt. Als Elektrotechnikerin hatte ich es in der Hubschrauberfertigung mit dreidimensionalen Konstruktionstools zu tun. Nach meinem Einzug in den Landtag 1994 nutzte ich eines der frühen Mobiltelefone. Grundsätzlich habe ich diese Geräte und die digitale Nutzung von Medien immer als Erleichterung empfunden, wenn es um Kommunikation und Information geht. Als Wirtschafts- und auch als Landwirtschaftsministerin begleitete mich die Digitalisierung als wichtiges politisches Thema.

Sind Sie auch privat immer online?
Fast immer. Aber ich genieße es, im Urlaub das digitale Gerät mal für eine Weile beiseitezulassen. Grundsätzlich bereichern digitale Möglichkeiten auch meine Freizeit: Ich schaue zum Beispiel über Mediatheken TV-Sendungen an, die ich früher umständlich hätte aufnehmen müssen.

„Es muss klar werden, dass Digitalisierung mehr bedeutet als soziale Medien und das Streamen von Filmen.“
Ilse Aigner

Als Landtagspräsidentin setzen Sie sich für mehr Zusammenhalt in unserer Gesellschaft ein. Kann Digitalisierung dazu beitragen, die Demokratie zu stärken?
Ja, weil sie die Vernetzung zwischen Menschen erleichtert. Viele Initiativen organisieren sich ausschließlich oder überwiegend digital, ein prominentes Beispiel ist Fridays for Future. Doch zugleich entstehen aus der Logik vieler Online-Angebote auch Gefahren für unsere demokratische Gesellschaft.

Was meinen Sie?
Viele nehmen Nachrichten und Geschehnisse nur noch selektiv wahr. Zum Teil liegt das an interessengesteuerter Selbstauslese, zum Teil an Algorithmen, die etwa in sozialen Netzwerken steuern, welche Inhalte der Einzelne sieht. Ähnliche Effekte hatten aber auch schon immer die Pressespiegel, die Politiker zu ihrem Fachgebiet bekommen: Man denkt irgendwann, die Welt dreht sich nur um diese Themen. Deshalb empfehle ich jedem, sich möglichst breit zu informieren – online, aber auch durch Print, Fernsehen und Radio. Unabhängig davon beobachte ich mit großer Sorge die zunehmend inakzeptable Verrohung der Sprache in den sozialen Medien, die unter dem Deckmantel der Anonymität erfolgt.

Im Vergleich zu manchen asiatischen Ländern stehen hierzulande mehr Menschen der Digitalisierung zurückhaltend gegenüber. Sind die Bayern zu digitalskeptisch?
Die Jüngeren definitiv nicht. Die Älteren, zu denen ich mich auch zähle, müssen sich mit vielem erst anfreunden. Künstliche Intelligenz (KI) zum Beispiel erschreckt viele Menschen, weil sie denken, dass der Mensch dadurch quasi überflüssig wird. Das stimmt aber nicht. KI wird niemals Empathie ersetzen, und auch bei kreativen Prozessen ist KI nur bedingt möglich. Stattdessen kann die Technik uns viele lästige Aufgaben abnehmen, von monotoner Routine bis zu schweren körperlichen Tätigkeiten. KI kann auch helfen, älteren Menschen das Leben zu erleichtern.

Wie lässt sich die Skepsis abbauen?
Durch Positivbeispiele wie der Leuchtturminitiative Geriatronik der TU München: Sie forscht an intelligenten Assistenzrobotern, die alten Menschen zu mehr Selbstbestimmung und Mobilität verhelfen. Sie sollen keine Pflegekräfte ersetzen, sondern mehr Unabhängigkeit im Alltag ermöglichen. In den Unternehmen wiederum ist es wichtig, die Menschen mitzunehmen und auf ihre Weiterqualifizierung zu achten.

Ist ein gesellschaftlicher Diskurs zur digitalen Zukunft Bayerns nötig?
Ja, und jeder ist gefordert, diesen Diskurs zu führen. Die Firmen, die ihre Mitarbeiter mitnehmen und weiterbilden müssen, aber auch die Schulen und Familien, in denen Bildung und Aufklärung stattfinden sollten.

Viele Unternehmen sehen sich noch zu weit vom digitalen Fortschritt entfernt. Sie klagen über technische Hürden in Bayern. Wo sehen Sie die größten Defizite?
Zum einen natürlich bei der Breitband-Infrastruktur. Hier funktioniert der freie Markt nur bedingt, weil der Ausbau in ländlichen Regionen oft nicht wirtschaftlich ist. Deshalb hat der Freistaat ein großes Programm aufgelegt, das in der Umsetzung ist. Leider mangelt es oft an Baukapazitäten. Mindestens genauso wichtig ist der Mobilfunk. Auch hier brauchen wir eine flächendeckende Versorgung. Die digitale Infrastruktur ist eine wichtige Voraussetzung für gleichwertige Lebensverhältnisse in Bayern.

Inwiefern?
Digitalisierung kann Distanzen irrelevant machen. Wer vernünftig angebunden ist, kann etwa zuhause arbeiten oder über den Computer ärztlich betreut werden. Davon profitiert natürlich vor allem der ländliche Raum – ebenso wie von neuen, vernetzten Mobilitätsangeboten, die auf digitalen Innovationen basieren.

Ilse Aigner, seit November 2018 Präsidentin des Bayerischen Landtags, kann auf eine bewegte politische Karriere zurückblicken. Vor dieser eher repräsentativen Aufgabe hatte die CSU-Politikerin zahlreiche wichtige Ämter inne – auf Landes- und auf Bundesebene. 1994 wurde sie zum ersten Mal in den Bayerischen Landtag gewählt. Von 1998 bis 2013 war sie Mitglied des Bundestags. 2008 wurde sie Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Im Herbst 2013 kehrte sie nach Bayern zurück und leitete dort bis März 2018 als Ministerin das Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie. Danach übernahm sie bis Oktober 2018 das Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr. Zwischen 2013 und 2018 war sie zudem stellvertretende bayerische Ministerpräsidentin.

Abgesehen von der Infrastruktur: Was fehlt grundsätzlich, um die Digitalisierung in Bayern stärker voranzutreiben?
Es muss klar werden, dass Digitalisierung mehr bedeutet als soziale Medien und das Streamen von Filmen. Die nächste Welle ist das Internet der Dinge und das maschinelle Lernen. Wir brauchen ein breites Bewusstsein für die großen Chancen, die darin für Bayern als wirtschaftsstarken Maschinenbau-, Automobil- und Technologiestandort liegen. Um unseren Standortvorteil auszuspielen, müssen wir Wissen aus unterschiedlichen Bereichen verbinden. Das war übrigens eines der Motive für die Gründung des ZD.B.

Warum ist das Zusammenspiel verschiedener Akteure wichtig für die digitale Transformation Bayerns?
Technologien ändern sich so schnell und umfassend, dass es nicht mehr reicht, wenn Unternehmen allein daran arbeiten. Die Wirtschaft braucht den Input aus der Forschung. Es ist die Grundidee des ZD.B, auf Themenplattformen wie Energietechnik, Cybersecurity oder vernetzter Mobilität das Know-how aus Wirtschaft und Wissenschaft fokussiert zusammenzubringen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass wir auch stabile Tanker und Schnellboote verbinden, sprich: Konzerne und Start-ups.

Der Staat ist auch für den Schutz der Bürger in der digitalen Welt zuständig. Wird er dieser Verantwortung gerecht?
Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) bietet seit 2018 einen umfassenden Schutz. Wichtig war und ist, dass sie EU-weit gilt und für alle Unternehmen, die hier etwas anbieten. Ich hätte mir aber klarere Freistellungsregeln für kleinere Firmen und Start-ups gewünscht. Dafür gab es auf EU-Ebene leider keine Mehrheit. Der Mittelstand hat jetzt mit dem bürokratischen Aufwand zu kämpfen.

Manche fürchten zu viel digitale Überwachung durch den Staat.
Die größten Datenbesitzer sind mit weitem Abstand Unternehmen, nicht der Staat. Gerade jüngere Menschen sind beim Umgang mit ihren Daten oft zu sorglos, beispielsweise, wenn sie sich über das Smartphone pausenlos tracken lassen. Ich würde jedem raten, sich intensiver mit den Privatsphäre-Einstellungen digitaler Anwendungen zu befassen.